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Das Bauhaus lebt am Zürichsee – THE CROMATIC CIRCLE OF JOHANNES ITTEN

Ein Farbglasdach nach Johannes Itten an einem Gebäude der Terlinden Managment AG.

Es ist einfache Idee mit überraschender Wirkung und bestechender Logik: Anlässlich des 100. Bauhausjubiläums hat der Leipziger Künstler Ritchie Riediger nach dem Farbkreis des Bauhaus-Meisters Johannes Itten ein Glasdach gestaltet, mit dem sich ein Bogen vom Bauhaus zu Ittens späterem Wirkungsort Zürich spannt.

Die um das alte Kesselhaus der Terlinden AG gebaute moderne Architektur, ist ein kubisch klares Ensemble, transparent und dynamisch. Dazu trägt das große, bisher hellklare Glas- dach über der vorderen Terasse bei. Ritchie Riediger hat es nun um ein Farbkonzept berei- chert. Riediger löste die Bestandteile aus Johannes Ittens Typologie der Farben und ordnete sie neu. Ohne eine feste Regel direkt zu übernehmen, summieren sie sich – unterbrochen von helleren ‚Scharnier-Scheiben’ – auf dem Terassendach zu einm ‚neuen Ittenschen Farbsystem’. Und das sieht gut aus: Vorzugsweise warmes farbiges Licht fällt auf Seiten- fassade und Terrasse und überstreicht deren eigene geometrische Raster mit dem Lauf der Sonne.

Damit verbinden sich so sinnlich wie logisch Kunst und Architektur, Farblust und Logik – sowie Geschichte und Gegenwart. Denn der Berner Johannes Itten (1888-1967), nach begonnenen heimischen Kunst-Studien zunächst Schüler von Adolf Hölzel in Stuttgart, war einer der prägenden Bauhaus-Meister der frühen Jahre in Weimar (1919-1923). Nach der Vertreibung aus Deutschland als ‚entartet’ wurde Zürich sein hauptsächlicher Wirkungsort. Er war ein einflussreicher Künstler der ‚Zürcher Konkreten’. Itten leitete jeweils mehrere Jahre die Kunstgewerbeschule, das Museum Rietberg und die Textilfachschule. Mit diesem letzten Punkt schließt sich ein weiterer Kreis – zur Textilfärberei bei Terlinden.

Das Kunstwerk intensiviert den historischen Geist des Ort also gleich mehrfach. Es ‚aktua- lisiert’ ein wichtiges Element der Bauhaus-Forschungen Ittens, es revitalisiert die Präsenz des ‚Zürcher Konkreten’. Es betont, wie der 42 hohe Schornstein, den Genius des Ortes selbst. Seit den 1920er Jahren gehörte die Textilfärberei zu Terlinden.

Der heutige Inhaber beobachtet und fördert das Werk des 52 jährigen Leipziger Künstlers seit langem. Riediger macht in a priori technisch-computerischen Prozessen ästhetische Potenzen sichtbar und erlebbar. Gleichsam als ‚New Romantic’ kamen bereits wiederholt Lichtinstallation und Farbgenerierung zusammen. Riediger führt damit im Grunde auch eine Bauhaus-Linie weiter und bürstet sie zuweilen raffiniert gegen den Strich. Die nun fertig gestellte Installation des Farbdachs, ein Beitrag zum Bauhaus-Jubiläum wie zum 150. des Unternehmens, ist die bisher größte Zusammenarbeit zwischen Terlinden und Ritchie Riedi- ger.

Dr. Meinhard Michael, Kunsthistoriker, Leipzig Juni 2019