[OSZO 24]

"ZEITVERLUST UND SELBSTGEWINN"

Ritchie Riediger entwirft in seiner Ausstellung “188054478000,000 sec.” ein so eindrucksvolles wie irritierendes Panorama unserer Gegenwart. Seine Installationen sind Objekte, hinter deren kühl glänzender Oberfläche das System medialer und persönlicher Gegenwartsinszenierungen zu einem existenziellen Kipppunkt geführt wird. Was dabei kippt, ist das allgegenwärtige Versprechen, dass die Rollen, die gespielt werden mehr bedeuten, als sich selbst.

Zwischen dem “anything goes” eines bis zur Spitze beschleunigten Marktes, der idyllischen Emblematik des privaten “pursuit of happiness” und der “political correctness” moderner Tugendhaftigkeit besteht insofern kein Unterschied, als es alles gleichsam beliebig abrufbare Muster ein und derselben Aufmerksamkeitskonomie sind. Riediger setzt an dieser Bruchkante an: Nicht indem er ein utopisches Ideal einfordert, nicht in dem er sich auf die etwaige Vernunft einer postulierten Verhältnismäßigkeit beruft, sondern in dem er mit reduzierter Geste und konzentrierter Form auf die Dinge selbst verweist.

Dies heißt, seine Arbeiten handeln nicht von der Erfahrung, sondern sind eine Erfahrung. Das macht die Sache extrem spannend: Mit “[OSZO 26]TM – till death do us part” etwa, einer von zehn gezeigten Installationen, bearbeitet
Riediger nicht weniger als das Fundament des Idealismus des Künstlers und der Kunst selbst. Denn radikaler kann ein Selbstporträt nicht sein: Mit einer rückwärts laufenden Zähluhr entkleidet Ritchie Riediger das Sujet vollständig
von jeder Figürlichkeit und zeigt mit rasenden Ziffern den Countdown seiner eigenen noch zu erwartenden Lebenszeit an. Diese schmilzt unumkehrbar dahin und der Betrachter sieht die Restzeit des Künstlers im Werk am Werk, klassischerweise umso höher der Wert, je näher das Ende des Schöpfers. Doch ob das sekundenweise Verschwinden einen persönlichen Gewinn oder Verlust darstellt, muss, abseits der Inszenierung, jeder für sich selbst entscheiden. Was in diesem Fall ein Für-Sich-Entscheiden im grundlegendsten Sinne bedeutet; es gibt keine Rolle, keine Pose und kein
Eigenbild mehr, nur die nackte Wahrheit der Verfasstheit von Künstler und Betrachter – als Arbeit, in Sekunden. Indem Riediger dies manifestiert, gelingt ihm ein seltener Moment: Inmitten einer scheinbar multioptionalen, manche sagen auch besinnungslosen Gegenwart, imitiert er deren gleißende Versprechungen, schließt sie miteinander kurz und lässt sie so sich selbst begegnen. Dies zu beherrschen, zeugt von höchster künstlerischer Qualität. Dem Betrachter wiederum offenbart sich dem gegenüber gestellt ein entscheidender Einblick: Inmitten der permanenten Dialektik von
Erkenntnis und Scham liegt die Möglichkeit eines Selbst, das über jede Inszenierung erhaben ist. Ritchie Riediger geht mit dieser Option virtuos um. Er setzt Symbole, erschließt Referenzen und stellt sie in so stringenter wie überraschender Vielschichtigkeit zueinander in Bezug, von der Eucharistie über Platons Höhlengleichnis bis zum Code der entschlüsselten DNA. Für all diejenigen, die sich auf diese Entdeckung einlassen, wird darum kaum ein Apfel genussvoller sein, als der in “[OSZO 30]TM – Erlln” dem Publikum angebotene: Wer mit Riedigers Umsetzung des biblischen Topos den Sündenfall’ begeht, weiß er ißt eine Frucht vom Baum der Erkenntnis.

Marc Piesbergen / Berlin 2008

LOSS OF TIME AND SELFBENEFIT

In his exhibition 188054478000,000 sec., Ritchie Riediger creates an impressive but irritating panorama of our current existence. His installations are objects that – behind their coolly shining surface – lead the system of personal and media enactment of the contemporary to an existential tipping point. The objects invert the omnipresent promise that the roles taken on represent more than themselves. In this respect there is no difference between the anything goes of a ceaselessly accelerated market, the idyllic emblematic of the private pursuit of happiness and the political correctness of modern virtuousness, since all are optionally retrievable patterns of one and the same economy of attentiveness.

At this breakline, Riediger takes up his work: not by claiming an utopistic ideal, not by referring to the possible rationality of a postulated proportionality, but by pointing towards the objects themselves with reduced gestures and in a concentrated manner. This means that his works do not deal with experience, but are in fact an experience – making the whole thing extremely fascinating: with [OSZO 26]TM – till death do us part, for example, one of the seven installations presented, Riediger treats no less than the foundations of the artist‘s idealism and of art itself. A self-portrait cannot be more radical than that: with a clock running backwards, Riediger divests the sujet completely of any fi gurativeness and displays his own expected lifetime. It melts away irreversibly and in the work the viewer sees the artist‘s time left; symptomatically, the value increases as the creator‘s end approaches.

However, from a slightly distant perspective the setting, every viewer has to decide for himself whether the vanishing by the second illustrates a profi t or a loss. In this case that decision implies a decision for oneself in the most fundamental sense; there is no role, no pose and no self-image anymore, only the naked truth of the condition of artist and viewer – as a work, in seconds.
With this manifestation, Riediger accomplishes a rare moment: amidst a seemingly multi-optional, some say insensate presence, Riediger imitates their glittering promises, consolidates them, forcing them to encounter themselves. To master this testifi es highest artistic quality. To the viewer, however, it discloses a decisive insight: in the midst of the permanent dialectic of perception and shame lies the possibility of the own being, that is above any kind of performance. Ritchie Riediger handles this option virtuously. For those, who dare to get involved with that, hardly any apple will be more enjoyable than one taken from one of the fruit crates of [OSZO 30]TM – Erlln, Riediger‘s Tree of Knowledge.

Marc Piesbergen / Berlin 2008