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The Cromatic Circle of Johannes Itten

The Cromatic Circle of Johannes Itten

Es ist ein Projekt wie ein Beitrag zum Bauhausjahr 2019. Es verbindet so sinnlich wie logisch Kunst und Architektur, Farblust und Logik, Geschichte und Gegenwart. Riediger schlägt vor, das Glasdach einer rationalen Architektur in der jüngeren Zürcher Bauhaus-Nachfolge, die sich aber auch klug auf den Vorgänger an dieser Stelle bezieht, in ein Farbkunstwerk nach dem Bauhaus-Lehrer und Künstler der Zürcher Schule der Konkreten Johannes Itten (1888-1967) zu verwandeln.

Das Projekt fasziniert auf mehreren Ebenen

Erstens: Architektur und Kunst. 
Das um das alte Kesselhaus der Terlinden AG gebaute Ensemble von Heinz Moser und Roger Nussbaumer hat jenen respektiert und mit den Anbauten in eine kubisch klare, transparente und mit etlichen Varianzen sehr dynamische Gebäudegruppe verwandelt. Dazu trägt das große Glasdach bei, das die Kuben verbindet und mit seinem Raster eine rhythmische Struktur erzeugt, die in anderen Flächen wiederkehrt.
 
Der Leipziger Künstler Ritchie Riediger schlägt nun vor, die hauptsächlich 36teilige Glas äche mit Farben nach dem 12-teiligen Farbkreis von Johannes Itten zu bedecken. Ausgehend von Gelb, Rot und Blau und der Mischung der je benachbarten Farben, hatte Itten in zwei Schritten einen in der Tendenz sehr warmen Kreis aus 12 Farben erzielt. Ittens logische Farbordnung kann die Konsequenz der rationalen und durchdachten Architektur von Moser / Nussbaumer noch betonen. Riediger schlägt ein Kunstwerk vor, eben eines aus dem gleichen Geist.
 
Die realistische Fotomontage verspricht dank der grundsätzlichen Transparenz der Architektur eindrucksvol- le und einzigartige Farblichtrhythmen – wobei die Bewegung des Farbsystems auf der Fassade und auf dem Gehweg hervorzuheben ist, die die gebaute Dynamik der Architektur intelligent unterstreicht.
 
Zweitens: Spannung der Geschichte.
Dabei ist als zweites und diesem Jahr statt ndende Jubiläum 150 Jahre Terlinden AG zu nennen. Die heutige Architektur nimmt mit dem 42 Meter hohen Schornstein bereits eine krä ige Spur der früheren Produktion auf. Seit den 1920er Jahren gehörte auch die Textilfärberei dezidiert zu Terlinden. Das Farbdach würde daran anknüpfen und eine Reminiszenz an diese Zeit anzeigen.
 
Johannes Itten zählte 1919 zu den ersten Lehrern am zunächst Weimarer Bauhaus. Er war bis zur Trennung vom Bauhaus 1923 meist im Grundkurs tätig, aber auch als Lehrer für Glasgestaltung. Ittens Farblehre zeich- net sich unter anderem dadurch aus, dass er auch die Formkontraste, in denen die Farben realisiert werden, kalkuliert.
 
Nach der Vertreibung aus Deutschland als ‚entartet’ wurde Zürich sein hauptsächlicher Wirkungsort, wo er an der Kunstgewerbeschule lehrte und zeitweilig Textilschule und Museum Rietberg leitete. Er war praktisch in der ‚Nachbarschaft’ der Textilfärberei engagiert. Das Farbglasdach nach Itten’s Farbkreis könnte somit einen Wirkungskreis schließen.
 
Ein Farbkunstwerk nach Itten, der übrigens vor seiner Farblehre eine „Analyse alter Meister“ veröffentlichte, würde zwei weitere Bögen schlagen. Zum einen historisch, zur mit Impressionismus ( Farbe im Licht ) glänzenden Sammlung Emil Staub Terlinden, zum anderen gegenwärtig vis-a-vis über die Seestraße hinüber, wo Max V. Terlinden einige Werke von Ritchie Riediger installiert und inszeniert hat lassen.
 
Riedigers New Romantic Serie, oder auch die sehr komplexe Lichtinstallation J.S. Bachs „BWV 902a – Fughetta in G-Dur“, die Verbindung von Lichtinstallation und Farbgenerierung aus Soundfrequenzen, führt als Kombination von Technik, Logik und Farbe im Grunde auch eine Bauhaus-Linie weiter und bürstet sie zuweilen raffiniert gegen den Strich.
 
Dr. Meinhard Michael / Kunsthistoriker und Kurator / Leipzig / Juni 2018